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Mickey · · 4 min read

Grenzverkehr — Wenn die Wirklichkeit nachgibt, Taschenbuch-Titelseite

A note for my international readers: this post is in german, because the book is — eight short stories of the fantastic, out now as paperback and ebook (amazon.de, but the ebook travels). A translation is not planned for the time being.

Ich habe früher angefangen, Geschichten zu erfinden, als ich programmieren gelernt habe. Das will etwas heißen, denn programmieren gelernt habe ich mit einem C64, dessen Datasette (Commodore Deutschland‘s ausgefallenes Wort für Kassettenlaufwerk) länger brauchte, um ein Spiel zu laden, als ich brauchte, um mir währenddessen ein ganz anderes auszudenken. Später kam ein Amiga 1000 dazu, und irgendwo zwischen Copper-Listen, Blitter-Minterms, MODs und Demos hat sich eine Gewohnheit eingeschlichen, die nie wieder verschwunden ist: Ich sehe ein System — ein Programm, eine Stadt, eine Abendrunde mit Flocke — und frage mich sofort, wo es brechen könnte.

Nur bin ich, grob zusammengefasst, vier Jahrzehnte lang der Frage lieber mit Code als mit Prosa nachgegangen. Ich habe Fachbücher geschrieben, über Programmiersprachen, grafische Oberflächen, Embedded Linux, verteilte mobile Systeme. Ich habe promoviert. Ich habe Artikel verfasst, die einen Sachverhalt exakt erklären wollten und froh waren, wenn am Ende kein Missverständnis übrig blieb. Ich finde das eine ehrenwerte Art zu schreiben. Sie verlangt Präzision, Geduld mit Details, und die Bereitschaft, einen Satz so lange umzustellen, bis er nur noch eine einzige Lesart zulässt.

Es ist aber auch eine langweilige Art zu schreiben – eine, die keinen Platz für die Frage lässt, die mich seit meinen frühesten Erinnerungen ebenfalls umtreibt: Was passiert, wenn die Wirklichkeit selbst anfängt, ungenau zu werden? Wenn die Route, die eine Karten-App vorschlägt, durch ein Haus führt, das es nicht geben dürfte? Wenn eine alte Frau am Gate eine Zukunft kennt, in der man selbst noch gar nicht angekommen ist?

Diese Fragen habe ich mir lange gestellt, oft auf Zugfahrten, manchmal beim Debuggen, wenn ein Fehler sich hartnäckig weigerte, dort zu sein, wo die Logik ihn vorhersagte. Aufgeschrieben habe ich sie nicht. Fachtexte hatten einen Auftrag und ein Ende. Geschichten wie diese hatten nur eine vage Ahnung von sich selbst und schienen mir zu unwahrscheinlich, um Zeit wert zu sein, die eigentlich für belegbare Aussagen reserviert war.

Angefangen habe ich sie trotzdem, immer wieder. Die Idee, die erste Szene, die Pointe — das war jedes Mal da. Was nie kam, war der Rest: die achtzig Prozent, in denen man sich hinsetzt und die unspektakuläre Mitte schreibt. Dreißig Jahre lang ist so ein Ordner mit Anfängen gewachsen, und mit jedem neuen Anfang wurde mir der Ordner ein bisschen peinlicher.

Was sich geändert hat, ist im Grunde banal, und ich sage es lieber selbst, bevor es jemand anderes tut: Ich habe angefangen, die Geschichten mit einem Sprachmodell durchzusprechen. Nicht, damit es sie schreibt — was passiert und wie es klingt, entscheide ich, und das merkt man den Texten hoffentlich an. Sondern weil die Zwiesprache mich an genau der Stelle festhält, an der ich früher aufgehört habe. Jemand fragt, wie es weitergeht, und dann muss man es eben sagen. Die erste Geschichte — ein Mann in Sitz 14A, der dem Fliegen misstraut und bald auch seiner eigenen Wahrnehmung — lag seit Jahren als halbe Seite herum (der Paranoia Rechnung tragend ist sie mir tatsächlich während der Startvorbereitungen auf einem FRA→FUE Flug eingefallen). Diesmal habe ich sie zu Ende erzählt, mit derselben Sturheit, mit der ich sonst einen Bug bis zur letzten Codezeile verfolge, nur dass am Ende kein Patch stand, sondern eine Pointe.

Aus der einen Geschichte wurden acht. Sie alle folgen demselben Prinzip, das mir inzwischen vertrauter ist als jede Programmiersprache: Das Unmögliche kommt selten mit großem Getöse. Es kommt leise, an einer Stelle, an der man es nicht erwartet — als Abkürzung, die es nicht geben kann, als Zeile in einem Protokoll aus einer Stadt, die nicht existiert. Und das eigentlich Interessante beginnt erst danach: bei der Frage, was ein Mensch mit diesem Riss anfängt, wenn ihm niemand mehr abnimmt, sich zu entscheiden.

So ist Grenzverkehr entstanden — acht Geschichten vom Riss im Gewöhnlichen, technisch genau, trocken-komisch und, wie ich hoffe, manchmal etwas unheimlich. Kein Ausstieg aus dem, was ich vorher geschrieben habe, sondern die Fortsetzung derselben Frage mit anderen Mitteln: Wo bricht das System, und was macht jemand, der genau hinsieht?

Ab heute ist das Buch da draußen. Ich bin gespannt, wo Ihr die Risse findet.

Grenzverkehr — Wenn die Wirklichkeit nachgibt – ab sofort bei Amazon erhältlich, als Taschenbuch und als eBook.